Die Wahrheit über die „Elite-Spieler-Kultur“ im Walking Football

Verlieren wir das Herz unseres Sports – oder braucht Walking Football einfach unterschiedliche Wege?

Walking Football hat sich in einer Geschwindigkeit entwickelt, die vor einigen Jahren kaum jemand erwartet hätte. Aus kleinen, zwanglosen Trainingsgruppen in Sporthallen und Gemeindezentren sind nationale Ligen, internationale Turniere und große Veranstaltungen entstanden. Spielerinnen und Spieler reisen durch Europa, treten für ihre Vereine oder Länder an und feiern ihre Erfolge mit Leidenschaft.

Diese Entwicklung ist beeindruckend. Gleichzeitig wächst jedoch die Sorge, dass sich Walking Football von seiner ursprünglichen Idee entfernen könnte.

Ein Sport, der für Gesundheit, Gemeinschaft und soziale Teilhabe geschaffen wurde, wirkt an manchen Orten zunehmend wie ein geschlossener Klub. Neue Spielerinnen und Spieler haben mitunter das Gefühl, zunächst beweisen zu müssen, ob sie spielerisch, körperlich oder menschlich in die Gruppe passen.

Doch ist diese Kritik berechtigt? Oder entsteht hier ein zu negatives Bild eines Sports, in dem auch ehrgeiziger Wettbewerb seinen berechtigten Platz haben darf?

Als jeder einfach mitspielen durfte

Viele erinnern sich an eine Zeit, in der neue Spieler mit einem einfachen Satz begrüßt wurden:

„Komm dazu, wir zeigen dir, wie es geht.“

Es spielte keine große Rolle, ob jemand 45 oder 75 Jahre alt war, früher im Verein gespielt hatte oder zum ersten Mal einen Fußball berührte. Fehler gehörten dazu. Man lachte miteinander, half sich gegenseitig und freute sich über kleine Fortschritte.

Genau dieser offene Charakter machte aus einer besonderen Form des Fußballs eine internationale Bewegung.

Heute berichten einige Spieler jedoch von einer anderen Erfahrung. Sie fühlen sich bereits vor dem ersten Ballkontakt beurteilt – nach ihrer Kleidung, ihrer körperlichen Beweglichkeit, ihrem spielerischen Können oder danach, ob sie in der Walking-Football-Szene bereits bekannt sind.

Damit stellt sich eine unangenehme Frage:

Wann wurde aus einer Einladung zum Mitmachen plötzlich ein Vorspielen vor einer Jury?

Die Kritik an der „Elite-Spieler-Kultur“

Kritiker beobachten, dass einzelne Spieler und Mannschaften Walking Football immer stärker wie klassischen Leistungsfußball behandeln. Der Wunsch zu gewinnen wird dabei gelegentlich wichtiger als das gemeinsame Erlebnis.

Ein Spieler brachte seine Enttäuschung deutlich auf den Punkt:

Er habe aufgehört, obwohl er selbst auf einem guten Niveau spiele. Zu viele Mitspieler hielten sich inzwischen für „Ronaldo“.

Andere berichten von Gruppen, die ursprünglich als Freizeitangebot für ältere und weniger mobile Männer gegründet wurden. Nachdem jüngere und spielstärkere Spieler hinzukamen, veränderten sich Tempo, Anspruch und Atmosphäre. Ältere Mitglieder fühlten sich nicht mehr wohl, blieben dem Training fern und die ursprüngliche Gruppe verlor ihren Charakter.

Auch abwertende Bemerkungen über Fehlpässe, vergebene Torchancen oder mangelnde Beweglichkeit werden genannt. Besonders problematisch wird es, wenn Anfänger gar nicht erst aufgenommen werden. Ein Interessent berichtete, dass ein Organisator keine Neulinge zulassen wollte und das Angebot offenbar nur für den eigenen Freundeskreis offenstand.

Solche Erfahrungen haben wenig mit sportlicher Qualität zu tun. Sie sind vielmehr eine Frage der Haltung.

Denn Können zeigt, wie jemand Fußball spielt. Es zeigt nicht, was für ein Mensch er oder sie ist.

Ein hervorragender Spieler kann eine schlechte Einstellung besitzen. Ein Anfänger kann dagegen derjenige sein, der andere ermutigt, für gute Stimmung sorgt und aus einer Gruppe eine Gemeinschaft macht.

Die Argumente für Wettbewerb und Leistungsgruppen

Auf der anderen Seite halten viele die Diskussion über eine angebliche Elite-Kultur für zu einseitig.

Walking Football sei weiterhin für alle da. „Für alle“ müsse aber nicht bedeuten, dass alle immer in derselben Gruppe und mit denselben sportlichen Erwartungen spielen müssen.

Wie in jeder anderen Sportart gibt es unterschiedliche Bedürfnisse:

  • Manche möchten sich bewegen, Kontakte pflegen und gemeinsam lachen.
  • Andere möchten ihre Technik verbessern und regelmäßig trainieren.
  • Wieder andere suchen den sportlichen Wettbewerb in einer Liga oder bei Turnieren.

Daran ist zunächst nichts falsch.

Ein Spieler des Rochdale Walking Football Club berichtet von rund 80 Mitgliedern unterschiedlicher Alters- und Leistungsklassen. Das normale Training sei überwiegend entspannt. Gleichzeitig nehme der Verein mit mehreren Mannschaften in den Altersklassen Ü60, Ü65, Ü70 und Ü75 an einer freundschaftlichen, aber durchaus ehrgeizigen Liga teil.

Alle bekämen ihre Gelegenheit – besonders während der drei wöchentlichen Trainingseinheiten. Wettbewerb und ein starkes Gemeinschaftsgefühl schließen sich dort offenbar nicht aus.

Auch von einem Turnier in Spanien wird positiv berichtet: Es habe sehr gute Spieler gegeben, doch daneben auch Humor und freundschaftliche Begegnungen mit den Gegnern. Die eigene Mannschaft wollte erfolgreich sein, erreichte ihr Ziel aber nicht. Trotzdem blieb es ein schönes Fußballerlebnis.

Das zeigt: Nicht der Wettbewerb ist das Problem. Entscheidend ist, wie mit ihm umgegangen wird.

Können sehr unterschiedliche Spielstärken gemeinsam funktionieren?

Einige Stimmen halten eine vollständige Mischung aller Leistungsstufen für schwierig.

Sehr gute Spieler könnten frustriert sein, wenn sie sich permanent zurücknehmen müssen. Weniger erfahrene oder körperlich eingeschränkte Teilnehmer könnten sich wiederum eingeschüchtert fühlen, wenn das Niveau und der Ehrgeiz der anderen zu hoch sind.

Beide Gruppen haben ihren Platz. Beide dürfen Freude am Walking Football haben.

Die Lösung kann deshalb in klar benannten Angeboten liegen:

  • offene und inklusive Freizeiteinheiten,
  • gesundheitsorientierte Gruppen,
  • Angebote für Anfänger und Wiedereinsteiger,
  • alters- oder mobilitätsgerechte Trainingsgruppen,
  • leistungsorientierte Mannschaften,
  • Liga- und Turnierteams.

Wichtig ist, dass niemand mit falschen Erwartungen gelockt wird. Wo „Walking Football für alle“ draufsteht, muss auch Walking Football für alle möglich sein. Eine als Freizeit- und Gesundheitsgruppe gegründete Gemeinschaft darf nicht schleichend von einer leistungsorientierten Auswahlmannschaft verdrängt werden.

Genauso sollten ehrgeizige Spieler offen sagen dürfen, dass sie sportlich anspruchsvoll trainieren und an Wettbewerben teilnehmen möchten.

Fairness beginnt hier bereits bei einer ehrlichen Beschreibung des Angebots.

Positive Beispiele zeigen, dass Inklusion funktioniert

Zahlreiche Vereine beweisen, dass neue Spieler weiterhin herzlich aufgenommen werden.

Ein Anfänger bei Benijófar Community Walking Football in Spanien berichtet von einer offenen Gemeinschaft, die sich Zeit nimmt, Neulingen die Regeln zu erklären. Für ihn bedeutet die Rückkehr in eine Mannschaft weit mehr als nur Bewegung: Sie bringt soziale Kontakte, Zugehörigkeit und Lebensfreude zurück.

Marlborough Walking Football in Wiltshire wirbt bewusst mit dem ursprünglichen Gedanken des Sports: Jeder ist willkommen, Freundschaft, Humor und gemeinsames Lachen stehen im Mittelpunkt.

Auch Walking Football 4 Health Victoria verfolgt ein umfassendes Konzept mit Angeboten für Senioren, Familien, Menschen jeden Alters und Personen mit Behinderung. Die Organisation beschreibt Walking Football treffend als:

„Eine Gesundheitslösung für die Gemeinschaft – verkleidet als Sport.“

Ihr Grundsatz lautet: Teilnahme vor Leistung. Gleichzeitig erkennt sie ausdrücklich an, dass auch wettbewerbsorientierter Walking Football seine Berechtigung besitzt.

Pro und Contra der leistungsorientierten Entwicklung

Argumente für leistungsorientierten Walking Football

  • Wettbewerb motiviert viele Menschen zu regelmäßigem Training.
  • Leistungsgruppen ermöglichen anspruchsvolle und ausgeglichene Spiele.
  • Ligen und Turniere steigern die Bekanntheit des Sports.
  • Altersklassen können faire sportliche Bedingungen schaffen.
  • Ehrgeiz, Intensität und Freude am Gewinnen sind nicht automatisch unfair.
  • Freizeit- und Leistungssport können innerhalb eines gut organisierten Vereins nebeneinander bestehen.

Argumente gegen eine dominierende Elite-Kultur

  • Anfänger und weniger mobile Menschen können verdrängt oder eingeschüchtert werden.
  • Der ursprüngliche Gesundheits- und Gemeinschaftsgedanke gerät in den Hintergrund.
  • Leistungsdenken kann zu Ausgrenzung und persönlicher Abwertung führen.
  • Ein „Gewinnen um jeden Preis“ fördert Fouls, Streit und Respektlosigkeit.
  • Freizeitgruppen können ihren Charakter verlieren, wenn sie schleichend zu Leistungsteams werden.
  • Selbsternannte Gatekeeper entscheiden mitunter, wer angeblich „gut genug“ ist.
  • Menschen können gerade jene soziale Heimat verlieren, die Walking Football ihnen geben sollte.

Teilhabe vor Leistung – aber Platz für Wettbewerb

Walking Football gehört allen, die den Platz betreten möchten:

dem Menschen nach einer Verletzung,
der Rentnerin, die aktiv bleiben möchte,
dem früheren Vereinsspieler, der noch einmal gewinnen will,
dem vollständigen Anfänger, der gerade die Regeln lernt,
und dem Menschen mit Behinderung, der wieder Teil einer Mannschaft sein möchte.

Unterschiedliche Altersgruppen, Fähigkeiten und Lebensgeschichten müssen nicht immer in derselben Mannschaft spielen. Sie sollten jedoch denselben Respekt und dieselbe Wertschätzung erfahren.

Das eigentliche Problem ist deshalb nicht die Existenz leistungsorientierter Spieler oder ambitionierter Turniere. Problematisch wird es erst, wenn sportliches Können mit persönlichem Wert verwechselt wird und aus gesundem Ehrgeiz ein Anspruch auf Vorrang entsteht.

Walking Football braucht keine künstliche Trennung zwischen „guten“ und „schlechten“ Menschen. Es braucht passende Angebote für unterschiedliche Bedürfnisse – verbunden durch gemeinsame Werte.

Die Fragen, die sich jeder Spieler stellen sollte

Beim nächsten Training oder Turnier könnten wir uns fragen:

Habe ich heute jemanden willkommen geheißen?

Habe ich auch den Spieler einbezogen, den sonst niemand wählen wollte?

Habe ich jemanden ermutigt, der Schwierigkeiten hatte?

Habe ich einen Fehler unterstützt oder abfällig kommentiert?

Konnte ich ehrgeizig spielen und trotzdem respektvoll bleiben?

Habe ich mein Ego außerhalb des Spielfeldes gelassen?

Der Schutz unserer Kultur ist nicht allein die Aufgabe von Verbänden, Trainern oder Turnierleitungen. Er beginnt bei jedem einzelnen Spieler.

Walking Football braucht nicht mehr Türsteher. Es braucht mehr Botschafter, mehr Geduld und mehr Menschen, die Verantwortung für die Atmosphäre auf und neben dem Platz übernehmen.

Das Herz des Spiels darf nicht verloren gehen

Es gibt Raum für Freizeitspieler und ambitionierte Turniermannschaften. Es gibt Raum für lockere Trainingseinheiten und intensive Wettbewerbe. Es gibt Raum für Anfänger, erfahrene Fußballer, ältere Menschen und Menschen mit Behinderung.

Was es nicht geben darf, ist ein Walking Football, in dem Menschen wegen ihres Alters, ihrer Beweglichkeit, ihres Könnens oder ihrer fehlenden Bekanntheit abgewertet und ausgeschlossen werden.

Wettbewerb und Gemeinschaft sind keine Gegensätze. Sie funktionieren miteinander, solange Respekt die Grundlage bleibt.

Wenn wir das Gefühl bewahren, dass jeder Mensch dazugehören kann, bleibt Walking Football ein Ort, an dem Fremde zu Mitspielern werden – und Mitspieler zu Freunden.

FAIR PLAY // FRIENDSHIP // FITNESS